„Wir haben die Wahl!“ – Denkanstoß von Pastoralreferent Uwe Schindera

Wir haben die Wahl!

Besonders wir Esslinger*innen, haben dieses Jahr das Vergnügen am 26. September bereits zum dritten Mal wählen zu dürfen. Im März waren es die Landtagswahlen, im Juli die Esslinger OB-Wahl und nun die Bundestagswahl. Für mich ist der Ausdruck „Vergnügen“ stimmig. Denke ich zum Beispiel an Afrika, wo die Wähler*innen zum Teil stundenlang vor den Wahllokalen stehen, haben wir es einfach und bequem. Ich finde es vergnüglich sonntags nachmittags den Spaziergang mit dem Wahlgang zu verbinden.

Aber auch den Ausdruck „wählen dürfen“, habe ich bewusst geschrieben. Denn selbstverständlich sind freie Wahlen für uns Deutsche historisch gesehen nicht. Selbst heute, im Vergleich zu anderen Ländern, darf ich mich sogar privilegiert fühlen, an fairen Wahlen teilnehmen zu können. Wir haben die Wahl und können so Einfluss nehmen auf unser aller Zukunft. Zwar lassen sich manche Änderungen in einer Demokratie nicht so rasch herbeiführen. Aber eine Wahl auf politischer Ebene gibt zu mindestens eine Richtung an, in der es die nächsten vier Jahre, wie bei der Bundestagswahl, oder acht Jahre, bei der OB-Wahl, hingehen soll.

Möglicherweise ist das mit ein Grund, weshalb das Wählen manchem ein Graus ist. Er sieht darin keine Chance auf irgendeine Veränderung. Es ändert sich eh nichts – in meinem Sinne, müssten er ehrlichkeitshalber hinzufügen. Diese Haltung ist ernst zu nehmen. Denn im Hintergrund schwelt eine Hoffnung nach einer Verbesserung der eigenen Lebensverhältnisse. Doch mit der Verweigerung, sich für eine Partei und eine Person zu entscheiden, ist auch eine Wahl getroffen worden. Man muss sich im Klaren sein, dass Wählen oder Nichtwählen immer auch Folgen für sich selbst und für die Allgemeinheit nach sich ziehen. Darum bin ich der Auffassung, je größer die Wahlbeteiligung, desto klarer auch der Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung, welche Themen ihr wichtig sind und welche Punkte unbedingt angegangen werden müssen. Mich erschreck nicht nur deshalb immer eine sinkende Wahlbeteiligung!

Wir haben zudem die Wahl uns eine Meinung zu bilden. Sie beeinflusst selbstverständlich unsere Entscheidungen. Wir wählen sogar aus welchen Medien wir uns informieren. Selbst die Wahl sich einer anderen Meinung anzuschließen oder seine eigene zu vertreten, haben wir. Das ist doch ein großes Plus in unserer Gesellschaft.

Immer wählen wir auch in unserem persönlichen Leben. Vielfach nehmen wir das gar nicht wahr. Schon allein beim Frühstück treffe ich Entscheidungen zwischen mehreren Angeboten: Leitungswasser? Saft? Tee? Oder lieber doch ein Kaffee? Die Wahl für das eine schließt etwas anderes aus. Klar, bei diesem Frühstücksbeispiel sind die Folgen, wenn ich alles trinken will, überschaubar. Es ist halt dann ein wildes Durcheinander im Magen, das nicht unbedingt jedem bekommt. Dagegen ist die Berufswahl oder die Wahl, mit wem ich das Leben teilen will, eine tiefgreifende Entscheidung. Ihre Folgen sind für einen persönlich schwerwiegender als zum Beispiel eine OB-Wahl. Hier sagt man zu recht: so erlebe ich eine direkte Veränderung. Ja, das stimmt und ist gut so! Denn ein Zaudern oder gar ein Verweigern solch einer Wahl ist zwar möglich, aber unvernünftig. Eine Entscheidung für einen Beruf oder ein/ e Partner*in kann eine Erfüllung bedeuten oder auch schief gehen. Aber selbst das Schiefgehen, das Scheitern birgt in sich noch die Wahl, aus dieser Erfahrung zu lernen.

Auswählen kann ich auch, in welchen Bereichen ich mich engagieren will: politisch, gesellschaftlich, kulturell, kirchlich oder sozial – es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten. Je nach Lust und Zeit kann ich auch dort Dinge erfahren und lernen, die sich lebensbereichernd auswirken. Genauso, wie ich mich dazu entschloss meinen christlichen Glauben aktiv zu leben. Auch hier hätte ich in unserem Staat die Wahlmöglichkeit gehabt, ihn abzulehnen. Nein, ich habe mich bewusst dafür entschieden, weil er mich trägt und ich hoffentlich damit auch anderen auf ihrem Lebensweg eine Hilfe sein kann. Zur Glaubenspraxis gehört für mich die Reflexion des Tages. Darin stelle ich mir die Frage, welche Wahl habe ich, mein Verhalten so zu ändern, damit ich anderen helfen kann und es mir dennoch gut dabei geht.

Wir haben die Wahl. Wir sollten das schätzen und uns diese Möglichkeit auf allen Ebenen des Lebens bewahren.

Pastoralreferent Uwe Schindera