Soziale Berufe halten die Gesellschaft zusammen – Denkanstoß von Pfarrer Stefan Schwarzer

Neben dem Gemeindepfarramt bin ich von meinem Arbeitgeber dazu beauftragt, die Kirche in der Esslinger Hochschule zu repräsentieren. Dort wurde im vergangenen Jahr über die 100-jährige Geschichte der Sozialen Berufe nachgedacht. Ein Thema, das weit über den Hochschulhorizont hinaus gesellschaftliche Relevanz und Brisanz besitzt: Wie wichtig ist uns als Gesellschaft welcher Beruf? Was ist uns die Arbeit eines Menschen Wert? Was bringen wir darin zum Ausdruck? Und vor allem diesem erst einmal die Frage: Was ist eigentlich ein sozialer Beruf?

Nun, das Wort „Beruf“ klingt anders als „Job“, und es meint auch etwas Anderes: Ein Mensch geht einer Tätigkeit nicht nur nach, um damit finanziell seinen Lebensunterhalt zu sichern, sondern weil er in seinem Tun eine sinnvolle und hoffentlich erfüllende Beschäftigung sieht, jenseits der eigenen Existenzsicherung und der seiner Angehörigen. Wir hören im „Beruf“ eine Aktivität, nämlich rufen, bzw. berufen. Der Beruf ist im Wortsinn also nicht nur die Entscheidung eines Menschen, dieses oder jenes zu erlernen und sich damit auf Stellensuche zu begeben, sondern es gibt da eine vorhergehende Ebene: Etwas oder jemand oder die Gesellschaft oder wer auch immer ruft danach, dass Aufgaben bewältigt werden müssen, die unser Zusammenleben organisieren und letztlich ermöglichen. Wer Brote backt ist nicht nur Handlanger hungriger Menschen, sondern hat den Beruf des Bäckers. Wer Häuser baut, verhindert nicht nur Obdachlosigkeit, sondern hat den Beruf des Architekten, Statikers, Maurers…

So trivial diese Erkenntnisse sind, so wenig machen wir uns im Alltag manchmal klar, dass nur das Zusammenspiel sehr vieler Berufe unser Leben lebenswert macht. Wer das weiß, weiß auch um die Dankbarkeit und die Demut: Klein ist die Zahl der Dinge, die ich selbst in der Hand habe und regeln kann, und groß die Zahl derer, bei denen ich auf andere angewiesen bin mit ihren jeweils eigenen Fertigkeiten und Fähigkeiten. Dankbar bin ich für die scheinbare Selbstverständlichkeit, mir Brot kaufen zu können, so viel ich brauche, und demütig bin ich gegenüber Kunst und Kultur, ohne die zu leben mir unvorstellbar ist.

So bedacht, ist im Grunde jeder Beruf sozial: Wir Menschen können gar nicht anders, als uns sozial zu organisieren. Wir müssen, wenn wir leben wollen, viele Aufgaben bewältigen, von denen die meisten ein Einzelner nicht leisten kann. Das Individuum braucht die Gemeinnützigkeit, also die Sozialität des Kollektivs. Das Leben selbst mit seinen vielen und unterschiedlichen Bedürfnissen (be-)ruft uns dazu, sozial zu handeln. Wer für sich umgekehrt die Freiheit in Anspruch nimmt, dieser Prämisse nicht folgen zu müssen, also im Wortsinne asozial agieren zu dürfen, kann das tun, sollte sich aber dann nicht wundern, wenn es in letzter Konsequenz lebensgefährlich wird.

Gibt es also gar keine dezidiert sozialen Berufe, bzw. ausschließlich soziale Berufe? Eigentlich ja, dennoch brauchen wir Menschen Unterscheidungen um unserer eigenen Klarheit Willen. Damit sind wir dann bei dem, was wir als „Sozialen Beruf“ bezeichnen: Der Altenpfleger, der versucht, Schmerzen zu vermeiden und zu lindern, oder die Krankenschwester, die ebendies auch tut, und dabei auf der Palliativstation dem sterbenden Menschen ein liebevoll begleitender Mitmensch bis zum Ende ist. Die Ärztin, die Tag für Tag aufs Neue versucht, Menschen in einem Heilungsprozess zu unterstützen oder der Sozialarbeiter, der Jugendlichen offen begegnet, die von vielen anderen schon abgestempelt sind. Der hauptamtliche Koordinator von Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit, der viele Belange und Bedürfnisse zusammensehen muss, oder die Erzieherin, deren pädagogische Arbeit noch immer nicht angemessen finanziell honoriert wird, und das, obwohl wir ihr die eigenen kostbaren Kinder anvertrauen.

Diese alle und noch viele mehr üben soziale Berufe aus, weil sie in besonderer Weise und sehr direkt das menschliche Zusammenleben tragen, halten, und auch aushalten. Das als „Job“ zu machen, ist schwer vorstellbar: Nicht alltäglich werden Menschen in sozialen Berufen sagen können, von wem sie sich zu ihrer Aufgabe berufen fühlen, doch ganz bestimmt haben sie eine Idee davon, warum sie das tun, was sie tun.

Stefan Schwarzer, Pfarrer an der Versöhnungskirche Oberesslingen